Reden und Texte zu offiziellen Anlässen der Gemeinde Furth

Wie auch in den vergangenen Jahren prägt auch am Volkstrauertag 2019 ein besonderes Ereignis diese Feierstunde. In 2018 erinnerte ich an die erste bayerische Republik und das Ende des Ersten Weltkrieges, davor prägten Bundestagswahl, die Attentate von Paris und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Ansprache zum heutigen Volkstrauertag.

Heuer ist es der Jahrestag des Mauerfalls und die friedliche Wiedervereinigung der beiden Deutschen Staaten. Eine Wiedervereinigung welche am Ende ein geeintes Europa hervorbrachte und durch die EU-Osterweiterung den Fakt schaffte, dass wir heute ausschließlich von befreundeten Nationen umgeben sind. Hier in Furth erinnern wir mit einer zentralen Feier am 28. November an die friedliche Revolution ohne die ich heute nicht zu Ihnen und euch sprechen könnte.

Für unseren zweiten Bürgermeister Josef Fürst und mich ergab sich die einmalige Möglichkeit die Emotionen des Mauerfalls direkt vor Ort in Berlin am vergangenen Wochenende aufzunehmen. Beim Spaziergang entlang der Eastside-Gallery hörten wir um uns Sprachen aus aller Welt. Menschen aus Amerika bis Asien, die gemeinsam mit uns den Jahrestag DER friedlichen Revolution feiern wollen. An der Bösebrücke der Bornholmer Straße berichteten Zeitzeugen von der Nacht vom 09.11. auf den 10.11.1989 als an der damaligen Grenzübergangsstelle der Oberstleutnant Harald Jäger im Befehlsnotstand die Grenze öffnete. Bei einer einzigartigen Videoinstallation wurden am Alexanderplatz die Kernereignisse der friedlichen Revolution medial aufbereitet. Still standen wir da, im Nebel, in der Kälte, in der Dunkelheit. Am Schicksalstag der Deutschen, an dem vor über 100 Jahren in der Novemberrevolution die erste Republik ausgerufen wurde. Als mit dem Marsch auf die Münchner Feldherrenhalle 1923 die NSDAP erstmals ihre Absichten zeigte. Im Jahr 1938 die Synagogen in der Reichskristallnacht brannten und eben vor 30 Jahren friedlich die Berliner Mauer fiel. Still standen wir da und mir stiegen die Tränen in die Augen.

 

Was hatten die Menschen damals in der DDR für ein Glück, das anders als am Tianamen in Peking nur wenige Monate zuvor, im Prager Frühling 1968 oder am 17. Juni 1953 die Waffen schwiegen und die Führung der DDR kapitulierte. Was hatten wir alle für ein Glück, dass mit Glasnost und Perestroika durch Michail Gorbatschow das kleine Fenster für die Wiedervereinigung aufgestoßen wurde und mit den 2+4-Gesprächen die Deutsche Wiedervereinigung möglich geworden ist. Unsere europäischen Nachbarn mussten einen harten und steinigen Weg zurücklegen, der in Ländern wie der Ukraine noch heute zu bewaffneten Konflikten führt. Nicht nur dort, auch in Syrien, in Hongkong, in Burundi und an über zwanzig Orten unserer Welt stehen sich in diesem Moment - wo wir uns hier in Schatzhofen versammeln - Menschen mit Waffen gegenüber.

 

Wir Deutschen haben die einmalige Chance des Herbst 1989 genutzt und das Beste daraus gemacht. Wir leben heute in einem Wohlstand der uns verpflichtet ihn zu teilen. Angelehnt an den Embolismus des „Vater unser“: Es ist Frieden in unseren Tagen.
Und umso mehr tragen wir Verantwortung für diesen Frieden. Zwischen uns in unseren Familien, in unserem Ort, an unserem Arbeitsplatz, in den Vereinen und in der Gesellschaft. Unsere Leben gehören nicht uns allein. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir mit anderen Menschen verbunden, in Vergangenheit und Gegenwart. Und mit jedem Verbrechen und jedem Akt der Güte erschaffen wir unsere Zukunft. Wir tragen Verantwortung! Der Volkstrauertag macht uns diese Verantwortung jedes Jahr aufs Neue bewusst. Er schärft unsere Sinne für die Kommunikation des Hasses. Er erinnert uns, dass Gewalt und Terror nicht von den Waffen ausgeht, sondern von den Menschen die zu den Waffen rufen.

 

Ich bin dankbar in diesem friedlichen Deutschland leben zu dürfen. Ich bin gern bereit weiter meinen Beitrag für Frieden und Völkerverständigung zu leisten. Ich möchte auch Sie und euch aufrufen euch immer wieder an die Botschaft des Friedens zu erinnern. Nutzt diesen Tag als Zäsur. Als Erinnerung an all die, die ihr Leben und ihre Freiheit gegeben haben, damit wir gemeinsam hier in Frieden und ohne Angst stehen können. Heute erinnern wir uns besonders an die Menschen die in der DDR wegen ihrer Weltanschauung verfolgt wurden und für Frieden und Freiheit an der Mauer ihr Leben verloren haben.

Bis vor kurzem war ich noch auf Gehhilfen angewiesen. Durch eine Verletzung war ich über 8 Wochen eingeschränkt. Im Rahmen eines Referats über unserer Gemeinde besuchte ich die Stadt Berlin und fuhr dort mit der U-Bahn. Ein Mann bot mir einen Platz an. Ich zögerte. Etwas zu spät entschied ich mich den Platz doch zu nehmen. Doch in diesem Moment fuhr die Bahn an und ich verlor das Gleichgewicht. Im Sekundenbruchteil suchte ich etwas panisch etwas zum Festhalten. Doch dazu kam es nicht. Insgesamt drei Personen griffen nach mir und hielten mich fest das ich nicht fiel. Wie selbstverständlich. 

Wir gedenken heute gemeinsam in unserer Gemeinde zum 99. Mal den Gefallenen der Kriege. Im Jahre 1918 endete mit über 17 Millionen Toten der Erste Weltkrieg. In  Europa, im Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen fielen Soldaten und kamen zahlreiche Zivilisten ums Leben.
Die aktuellen Tage sind bedeutungsschwanger und erinnern an allen medialen Enden an die Schrecken des Ersten Weltkrieges und seine negativen und aber auch positiven Folgen. Denn mit der Revolution und der Abdankung der Monarchie wurden elementare demokratische Faktoren in unserer deutschen Gesellschaft etabliert. In München wurde durch Kurt Eisner und die bayerische Arbeiter, Bauern und Soldatenregierung die Münchner Räterepublik ausgerufen. Es wurde das Frauenwahlrecht eingeführt und erste Schritte der Gerechtigkeit im Arbeitsleben im Wahlrecht und in der Gleichberechtigung von Mann und Frau begangen. Das Regierungssystem der Monarchie hatte ausgedient und wurde durch die Demokratie ersetzt.

Doch wie es immer geschieht, fraß auch die Revolution der Räterepublik ihre Kinder. Der bisher einzige bayerische SPD-Ministerpräsident Kurt Eisner wurde durch einen Anhänger der Thule-Bewegung ermordet.

Die tiefe Spaltung, welche das Ende des ersten Weltkriegs, die Dolchstoßlegende und der Vertrag von Versaille in Deutschland verursachte, waren die Voraussetzungen das ein nationalsozialistisches System überhaupt entstehen konnte. Die Belastungen, welche Deutschland auferlegt wurden mündeten am Ende in den Aufstieg des Nationalsozialismus, die Machtergreifung, vor 80 Jahren in die Reichskristallnacht und in den zweiten Weltkrieg.

Die Toten mahnen uns!
In unseren alltäglichen Leben ist es ganz normal, dass es Konflikte mit anderen Menschen gibt. Mit Arbeitskollegen, Vorgesetzten oder vielleicht auch dem Partner. In diesen Konflikten spüren wir oft wie sich eine Grenze nach der anderen nähert. Wie es am Anfang um die Sache geht. Später darum Recht zu behalten. Dann überhaupt die Oberhand, die Lufthoheit über den Konflikt zu sichern. Das nennt man eine Eskalation. Wenn nicht das grundlegende Verständnis, der grundlegende Wille nach Frieden und einer Lösung in jeder Auseinandersetzung in uns wohnt kann diese Eskalation sich weiter verschärfen. Dann geht es mir auf einmal darum dem anderen Schaden zuzufügen. Und am Ende nur noch darum ihn psychisch, gesellschaftlich oder sogar physisch zu vernichten.

Die Toten mahnen uns! Sie mahnen uns nach Frieden zu streben. Den Anheizern dieser Welt keinen Raum zu geben. Selbst die Schwachen zu unterstützen und die Verantwortung für Hilfsbedürftige zu übernehmen.

Wir tragen diese Verantwortung und wir müssen ihr gerecht werden. Sei es durch kleine Gesten wie das Halten damit jemand nicht stürzt oder durch eine aktive Entscheidung Teil einer besseren Welt sein zu wollen. Lassen Sie uns auch im nächsten Jahr - in dem sich die deutsche Wiedervereinigung zum 30. Mal jährt - mit wachsamen Augen durch die Welt gehen, dem Freund ein Freund sein und Frieden stiften. Dann wäre der Tod unserer Vorfahren nicht umsonst gewesen. Dann hätten wir etwas daraus gelernt.