Energie
Furth – ein Platz an der Sonne
Die Gemeinde Furth bei Landshut (3.500 Einwohner) ist wohl die älteste Energiewendegemeinde in Deutschland. So wurde auf Privatinitiative bereits 1982 der erste Sonnenenergietag abgehalten, der jährlich mit zusammen 22 Solartagen bis 2007 fortgesetzt wurde. Auf der jeweiligen Ausstellung gab es die neueste Technik der erneuerbaren Energien zu sehen. Daneben fanden Vortragsreihen statt. Ein besonders attraktiver, weil so bei anderen Solartagen nicht vorhandener Teil, war das Besichtigungsprogramm von in Betrieb befindlichen Anlagen. Dabei öffneten die Further Bürgerinnen und Bürger ihre Häuser und zeigten allen Interessierten ihre verschiedenen Anlagen erneuerbarer Energien in einer beeindruckenden Vielfalt. Furth wurde „das“ niederbayerische Solardorf. Der Further Solartag war Impulsgeber für die ganze Region und dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass es heute nirgends in Deutschland so eine Dichte erneuerbarer Energien gibt, wie hier.
1996 wurde mit den Wahlen der Einsatz erneuerbarer Energien sozusagen „offiziell“. Es wurde mit Planung und Bau des Hackschnitzelheizwerks Furth begonnen, das den Kern der Further Energieversorgung mit erneuerbaren Energien bildet und die ganze Ortsmitte mit Wärme versorgt: die Volksschule, das Gymnasium, das Kloster, den Kindergarten, die Krippe und den Hort, das Dorfzentrum, das Rathaus, das Altersheim, das Betreute Wohnen, verschiedene Gewerbebetriebe und ca. 40 Wohnhäuser.
Für die Leistung von 800 kW werden im Jahr etwas über 1.000 Tonnen Hackschnitzel gebraucht, ausschließlich naturbelassen und weitgehend aus der Region. Das Heizwerk war die erste Anlage in Bayern, bei der ein Hackschnitzelkessel, eine Solaranlage und eine Kondensation zur Wärmerückgewinnung kombiniert wurden. Die Anlage wird von einem breiten Bündnis aus etwa 40 Landwirten, Energieabnehmern, Waldbauernvereinigung, Gemeinde und Landkreis betrieben und wurde wegen seines Pilotcharakters vom Staat gefördert. Trotzdem war es anfangs schwierig, Abnehmer für die Wärme zu gewinnen, da zu diesem Zeitpunkt die Anlage einen höheren Wärmepreis erforderte als die einzelnen Ölversorgungen. Mit dem Leitbild „Furth – ein Platz an der Sonne“ musste umfassende Aufklärungsarbeit erfolgen. Heute gehört der Wärmepreis zu den günstigsten in der Region und eine entsprechend positive Einschätzung erfährt die Anlage.
1998 wurde – sozusagen um das Heizwerk herum – von der Fachhochschule Weihenstephan eine umfassende Potenzialstudie erneuerbarer Energien für die ganze Gemeinde erstellt. Die Folge des äußerst positiven Ergebnisses war, dass der Gemeinderat 1999 als erstes Gremium im Deutschland das Ziel einer 100 %-Versorgung mit erneuerbaren Energien beschloss. Ökologie und Ökonomie stets gleichberechtigt zu betrachten, wurde bis heute ohne Ausnahme eingehalten. Die Akteure des Further Energieprogramms sind die Bürgerinnen und Bürger, die sozialen- und Bildungseinrichtungen, die Gewerbetreibenden und Landwirte, die Banken und die Gemeinde. Als eher steuerschwache Gemeinde ist Furth dabei weitgehend auf die Finanzierung der Energieanlagen durch die Privaten angewiesen. Diese spielen auch im Further Energiekonzept eine überragende Rolle. Die Aufgabe der Gemeinde ist dabei hauptsächlich eine umfassende Information, Koordination, Werbung, Leitbildentwicklung und Vorbildfunktion. Eine Mitmach- und Anerkennungskultur ist weit entwickelt und neben ökologischen und ökonomischen Aspekten die stärkste Motivation zum Dabeisein im Sinne der Bürgergesellschaft, die ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nimmt.
Wie sehen Umsetzung und Umsetzungsgrad in Furth jetzt im Jahr 2013 aus? Es werden aktuell 80 % der Wärme und 80 % des Stroms erneuerbar in der Gemeinde erzeugt. Da Furth zu den windschwächsten Gegenden in Bayern zählt und über keine Wasserkraft verfügt – was ja derzeit die häufigsten und wirtschaftlichsten Formen erneuerbarer Energien sind – beruht die Versorgung in der Gemeinde auf folgenden 6 Säulen:
Große Hackschnitzelanlage mit 800 kW-Ofen und Kondensationsanlage. Erzeugung jährlich etwa 3.000 MWh mit über 1.000 Tonnen naturbelassenen Hackschnitzeln weitgehend aus der Region. Verteilernetz über 2 km. Im Januar 2013 wurde das Hackschnitzelheizwerk mit einer Holzgasanlage erweitert. Hackschnitzel werden in Holzgas umgewandelt. Dieses wird 2 Motoren zugeführt. Es werden 90 kW Strom und 200 kW Wärme erzeugt. Der Strom geht ins Netz, die Wärme ergänzt die Wärmeerzeugung im Heizwerk.
Kleine moderne Hackschnitzel-, Pellet- und Stückgutanlagen in großer Zahl. Sehr viele Nachrüstungen bei Erneuerung der Heizung. Standard bei Neubau (neben Anschluss an die zentralen Anlagen oder Kleinwärmepumpen).
Zweites Nahwärmesystem im Ortsteil Schatzhofen auf Biogasbasis. Kraft-Wärme-Kopplung mit Wärmeversorgung von derzeit zehn Häusern. Elektrische Leistung 370 kW. Beschickung mit Gülle, Grünroggen, Mais, Sedangras. Zukünftig vermehrt Gras aus Landschaftspflege geplant (siehe auch „Integriertes und interkommunales Wasserprojekt sichert die gemeindliche Energieversorgung“, Grasproduktion).
Sonnenkollektoren zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung. Über 3.000 qm, also theoretisch etwa 1 qm je Einwohner/in).
5.000 kWp Photovoltaikanlagen. Ausschließlich Kleinanlagen auf den Dächern oder Hausfassaden, keine Freiflächenanlagen. Mit mehr als 400 Anlagen die höchste PV-Dichte je Einwohner in Deutschland. Jeder dritte Haushalt betreibt eine PV-Anlage. Jahresertrag über 4.000.000 kWh.
Energiesparen als bedeutendste Säule im Further Energiekonzept. Eigene Energiesparberatung für alle Bürgerinnen und Bürger. Gemeinde geht bei energetischer Sanierung von Schule, Turnhalle, Bauhof mit gutem Beispiel voran. 2010/11 wurde eine neue 6-gruppige Kinderkrippe mit Hort in teilweiser Holzbauweise fast als Passivhaus errichtet. Restlich geringe Wärmeversorgung mit Hackschnitzeln (über Heizwerk). 60-kWp Photovoltaikanlage erzeugt mehr Strom als verbraucht wird.
In wenigen Jahren werden bei der Versorgung mit Energieholz aus der Gemeinde und Region Engpässe auftreten, wenn nicht Vorsorge getroffen wird. So bedecken Wälder in der Gemeinde Furth nur 18 % der 21 qkm. Zudem soll wertvolles Holz auch eher der stofflichen Nutzung zugeführt werden. Auch in den umliegenden Orten hat ein Bauboom kleinerer und mittlerer Anlagen eingesetzt hat.
In einem ersten Schritt wurden daher die Bürgerinnen und Bürger dafür sensibilisiert, dass sie ihren in den Gärten in großer Menge anfallenden Gehölzschnitt nicht mehr im Freien verbrennen, sondern einer sinnvollen Nutzung zuführen. In einer jährlich stattfindenden mehrtägigen Aktion wird dieses Material von vielen Helfern des Gartenbauvereins mit Unterstützung der Gemeinde zu Hackschnitzeln verarbeitet. Dazu kommt das Material von Hecken und Landschaftselementen von Gemeinde und Privaten, das früher mangels Verwertbarkeit nicht gewonnen wurde und somit eine „Vergreisung“ mit entsprechender ökologischer Verarmung zur Folge hatte.
Das nächste Projekt war die Zusammenführung von Energiepflanzen, Hochwasserschutz und Schaffung von Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Es wurde vor ca. fünf Jahren eine ehemalige Acker- und Wiesenfläche (1,5 ha) zur Hochwasserschutzfläche naturnah ausgebaut und gestaltet, sowie von Vereinen, Schulkassen und Jugendgruppen mit einigen tausend Weiden, Erlen, Eschen, Haseln und Holundern bepflanzt. Der Holzertrag geht ebenfalls an das Heizwerk und deckt mittelfristig weit mehr als die Unterhaltskosten. Auch hier wird sehr genau auf die gleichzeitige Beachtung von Ökonomie und Ökologie gesehen.
Ausgehend von den hierbei gewonnenen Erkenntnissen wurde die letzten drei Jahre ein weiteres Projekt entwickelt: Wir nennen es integriertes und interkommunales Wasserprojekt. An den kleinen Fließgewässern (nur solche gibt es in Furth) werden beidseitig 10 bis 20 m breite Randstreifen dem Projekt zugeschlagen. Im Süden erfolgt eine Bepflanzung mit Mittelwald und schnell wachsendem Energiewald, im Norden wachsen Gras und andere in Biogasanlagen verwertbare Pflanzen unter besonderer Berücksichtigung sowohl ökologischer als auch ökonomischer Aspekte.
Hier wird versucht, verschiedene Bereiche gleichberechtigt in einer Maßnahme umzusetzen: Hochwasserschutz, Beendigung der Eintiefung der Bäche als Folge der Flurbereinigung vor 40 Jahren, Gewässerrenaturierung, Verhinderung oder Begrenzung von Bodeneintrag in die Gewässer, Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, spürbarer Beitrag zur Schaffung des Further Biotopverbundes und der Biodiversitätsstrategie von Bund und Land, Verbesserung der Wasserspeicherfähigkeit der Böden, Reinigung des Wassers, Verbesserung des durch die Flurbereinigung geschädigten Landschaftsbildes und Hackschnitzelerzeugung durch Mittelwald und schnell wachsenden Energiewald. Der Ertrag aus Mittel- und Energiewald soll und wird längerfristig das ganze Projekt finanziell tragen. Zur Mitarbeit konnten verschiedene Ämter gewonnen werden: Wasserwirtschaftsamt Landshut, Regierung von Niederbayern, Landratsamt Landshut und Amt für ländliche Entwicklung Landau, auch das Landwirtschaftsamt Landshut. Für wissenschaftliche Begleitung und Untersuchungen besteht seit Jahren eine sehr enge Verbindung zur Fachhochschule Weihenstephan, die für alle drei Gemeinden schon verschiedene Aufgaben und Programme durchgeführt hat. Um die Mitwirkung der betroffenen Landwirte, Grundstücksbesitzer und Anlieger wurde schon geworben, Tauschgrund wurde gekauft und für das freiwillige Flurbereinigungsverfahren bereitgestellt. Schon seit längerer Zeit gibt es eine breite Information über das gemeindliche Informationsblatt, Gemeinderatssitzungen, Besichtigungsfahrten und Berichte in den Medien Tageszeitung und Rundfunk. Die Resonanz ist sehr positiv. Ein Teil des Projektes wird deshalb von den Gemeinden selbst umgesetzt werden, ein erheblicher Teil aber auch von den derzeitigen Grundstücksbesitzern, meist Landwirten, die die Chancen eines zweiten finanziellen Standbeins als „Energiewirt“ durchaus erkannt haben.
Es sind somit alle Vorbedingungen erfüllt, die auf Dauer den ökologisch und ökonomisch verantwortbaren Ausbau auf 100 % erneuerbare Energien in Furth absichern. Weiteres Energiesparen und die quantitative und qualitative Weiterentwicklung der genannten Erzeugungsanlagen erneuerbarer Energien garantieren eine von Importen unabhängige Energieversorgung ohne fossile und atomare Energieträger. Die örtliche und regionale Wertschöpfung steigt auf mehrere Mio. € im Jahr, Arbeitsplätze werden geschaffen, die Landwirte erhalten als „Energiewirte“ eine neue Perspektive und auch die gemeindlichen Einnahmen steigen. Die Biodiversität wird unterstützt.
Nach innen wirkt das Programm „Furth – ein Platz an der Sonne“ stark identitätsfördernd auf die Bürgerinnen und Bürger. Sie sind nicht nur stolz auf ihre Gemeinde, sie engagieren sich auch in vielen Bereichen ungewöhnlich stark, weit über das Thema „Energie“ hinaus. Die Entwicklung zu 100 % stärkt die Bürgergesellschaft, die ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nimmt und nicht auf Entwicklungen von „außen“ oder „oben“ wartet. Andererseits ist auch die Außenwirkung sehr stark. Etwa 30.000 Besucherinnen und Besucher aus fast 100 Ländern haben sich in Furth über die Energiewende informiert. Zahlreich sind die ohne Ausnahme positiven Berichte in den Medien, z. B. der Landshuter Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, Bild, der Bayerischen Staatszeitung, vielen Regionalzeitungen usw. In mehr als 60 überregionalen Radio- und Fernsehsendungen wurde über die Further Aktivitäten berichtet, z. B. bei ARD, ZDF, 3Sat, BR. Im Forschungsprogramm „Altener II“ der Europäischen Union wurde Furth 2000 für 15 europäische Energieforschungsprojekte zum Koordinator ernannt und die Gemeinde Thinalion auf der griechischen Insel Korfu als direkte Partnergemeinde zugeordnet.
Furth war eine der drei Energiegemeinden, die in einem von der Technischen Universität München im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung durchgeführten landesweiten Agenda-21-Programm Anregungen und Möglichkeiten für die bayerischen Gemeinden erarbeitete. Auch im weiter angelegten Nachfolgeprogramm „Bürgerkommune“ arbeitet die Gemeinde Furth mit. Gerne und oft wird das gewonnene Wissen an andere Gemeinden weitergegeben. Für viele Schülerinnen und Schüler und Studierende ist die Further Energieversorgung Gegenstand ihrer Zulassungs- und Prüfungsarbeiten.